Schwangerschaft und Stillzeit
Das heranwachsende Kind im Mutterleib ist durch äußere Einflüsse wie Medikamente, illegale Drogen, Alkohol und Nikotin besonders gefährdet: Der Mutterkuchen (Plazenta) übt zwar eine Filterfunktion aus, aber das ist kein hundertprozentiger Schutz. Viele Medikamente gehen auf das Kind über und können es schädigen.
1.–2. Woche der Schwangerschaft
In den ersten zwei Wochen nach der Befruchtung gilt das Alles-oder-Nichts-Gesetz. Entweder können geschädigte Zellen vom
Organismus ersetzt oder repariert werden, oder der Schaden ist so groß, dass die befruchtete Eizelle abgestoßen wird und mit der nächsten
Regelblutung abgeht.
3.–12. Woche der Schwangerschaft
Von der 3. bis zur 12. Schwangerschaftswoche ist das Kind am meisten gefährdet.
In dieser Zeit entstehen die inneren Organe, die Gliedmaßen und das Gesicht. Da sich viele Frauen erst im zweiten Monat nach
Ausbleiben der Regelblutung auf eine mögliche Schwangerschaft untersuchen oder untersuchen lassen, kann es sein, dass in Unkenntnis
Medikamente oder Drogen eingenommen wurden, die dem Kind schaden.
13. Woche – Ende der Schwangerschaft
Im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel nimmt die Empfindlichkeit
gegenüber Missbildungen ab. Die bereits angelegten Organe werden in ihren Funktionen weiter ausgebildet, verschiedene Gewebe
differenziert.
Bestimmte Medikamente können in dieser Phase den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt ungünstig beeinflussen (z.B. Blutungsgefahr
während der Geburt durch Acetylsalicylsäure), Störungen von Organfunktionen (z.B. Nierenversagen beim Neugeborenen durch ACE-Hemmer)
oder des Wachstums, sowie Suchterkrankungen mit Entzugssymptomen beim Neugeborenen (z.B. Benzodiazepine, Opiate) verursachen.
Sie haben ein bedenkliches Medikament verwendet – was tun?
Wenden Sie sich an Ihren Arzt/Ihre Ärztin oder an eine spezialisierte Beratungsstelle:
In Deutschland zum Beispiel an die
Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie
Spandauer Damm 130
D-14050 Berlin
Tel. 0 30/303 08 - 111
Mo–Fr von 9–12h30; 13h30-16 Uhr außer an Feiertagen
E-Mail mail@embryotox.de
In Österreich zum Beispiel an die
Reproduktionstoxikologische Ambulanz der Unifrauenklinik Wien
Währinger Gürtel 18–20
1090 Wien
Tel. 01-404 00/ 29 96.
Die versehentliche Einnahme eines bedenklichen Medikaments rechtfertigt noch nicht den Abbruch einer Schwangerschaft.
5 wichtige Regeln in der Schwangerschaft
Kein Alkohol
Regelmäßiger Konsum von täglich mehr als 0,2 Litern Wein oder 0,5 Litern Bier während der
Schwangerschaft kann bereits zu Wachstumsstörungen, Missbildungen des Gesichts und der Gliedmaßen sowie bleibenden Intelligenzschäden
führen. Auch in der Stillzeit sollten Sie regelmäßigen oder exzessiven Alkoholkonsum meiden. Hin und wieder ein wenig Alkohol ist
sowohl in der Schwangerschaft als auch in der Stillzeit unbedenklich.
Nicht rauchen
oder aufhören zu rauchen. Die oft geäußerte Empfehlung, sich auf fünf
Zigaretten pro Tag zu beschränken, ist wissenschaftlich nicht begründbar. Durch Rauchen besteht das Risiko, dass der Mutterkuchen
schlechter durchblutet wird. Das kann zu Mangelversorgung und -entwicklung des Säuglings, erhöhtem Risiko einer Früh- oder Fehlgeburt,
zu niedrigem Geburtsgewicht oder in der Stillzeit zu plötzlichem Kindestod führen.
Keine Medikamente verwenden
- auch keine rezeptfreien und keine »harmlosen« Pflanzenmittel -, die nicht
unbedingt notwendig sind oder von denen die Medizin nicht mit Sicherheit weiß, dass sie ungefährlich für das Kind sind. Wenn Sie
vorhaben, ein Medikament zu nehmen, lesen Sie im Beipackzettel unter dem Stichwort »Schwangerschaft/Stillzeit« die Empfehlungen. Auch
pflanzliche Mittel sind nicht unbedingt harmlos! Vor der Verwendung in der Apotheke fragen
oder wenigstens nur in geringen Mengen verwenden und nicht regelmäßig.
Keine Drogen Auch nicht hin und wieder, weil sie alle – ohne Ausnahme – ein Risiko für das Baby bedeuten! Regelmäßiger oder häufiger Konsum von Haschisch/Marihuana/Cannabis führt zur Verlangsamung des kindlichen Herzschlags, zu erhöhter Säuglingssterblichkeit und Entwicklungsverzögerungen. Regelmäßiger oder häufiger Konsum von Ecstasy/Amphetamin/Speed führt zu Durchblutungsstörungen und Entwicklungsverzögerungen des Kindes. Regelmäßiger Konsum von Codein/Morphin/Heroin (Opiaten) verursacht ein erhöhtes Risiko von Fehl- oder Frühgeburten, erniedrigtes Geburtsgewicht, Entzugssyndrom beim Neugeborenen (Atemnot, Zittern, Krämpfe) und eine erhöhte Säuglingssterblichkeit.
Koffein (Bohnenkaffee, Schwarztee, Kakao, Cola)Nicht mehr als täglich 600 mg Koffein einnehmen (= etwa 6 Tassen Bohnenkaffee oder etwa 10 Tassen schwarzer Tee oder etwa 3 Liter Cola oder etwa 2 Liter Energy Drinks). Wenn Sie regelmäßig mehr einnehmen, besteht ein erhöhtes Risiko, dass Ihr Kind eine Früh- oder Fehlgeburt wird oder ein zu niedriges Geburtsgewicht hat. Regelmäßiger, starker Koffeingenuss während der Stillzeit führt zur Übererregung des Säuglings.
Bedenkliche pflanzliche Medikamente
Die folgenden pflanzlichen Mittel in der Schwangerschaft nicht verwenden – zumindest nur wenig und nicht regelmäßig
Aloe
Enthalten z. B. in Artin, Kräuterlax A.
Aloe ist ein Abführmittel, das generell nicht mehr verwendet werden sollte. Es hat eine sehr drastische Wirkung und gilt wegen der
schwerwiegenden Nebenwirkungen (Bauchschmerzen und –krämpfe, Hautausschläge, bei Überdosierung Koliken und Nierenentzündungen) als
überholt. Außerdem gibt es keine ausreichenden Informationen über die Risiken für das Ungeborene. Kann möglicherweise
Gebärmutterkrämpfe (Kontraktionen) verursachen.
Sennesblätter (= Sennae folium)
Enthalten z.B. in Agiolax, Bad Heilbrunner Abführtee N, Bekunis, Depuran
Dragees, Midro, Ramend u. a.
Wird gegen Verstopfung verwendet. Es gibt keine ausreichenden Informationen über die Risiken für das Ungeborene. Kann möglicherweise
Gebärmutterkrämpfe (Kontraktionen) verursachen.
Schwere Erkrankungen und Schwangerschaft
Eine Arzneimitteltherapie bei gravierenden Erkrankungen ist auch in
der Schwangerschaft zwingend erforderlich, z.B. bei Zuckerkrankheit, Asthma, Bluthochdruck, Epilepsie, schweren Infektionen.
Bei Frauen mit bekannten chronischen Erkrankungen wie Zuckerkrankheit sollte idealerweise bereits bei Planung einer Schwangerschaft
die medikamentöse Therapie auf Medikamente umgestellt werden, die sich für Schwangere am besten eignen (z.B. von Tabletten gegen
Zuckerkrankheit auf Insulin).
Auf keinen Fall darf eine für die Mutter unbedingt notwendige Behandlung wegen einer Schwangerschaft gänzlich abgesetzt werden, da
auch unbehandelte krankhafte Zustände der Mutter beim Ungeborenen Schädigungen hervorrufen können: Bei zu hohen und stark schwankenden
Blutzuckerspiegeln steigt das Missbildungsrisiko, ebenso bei häufigen epileptischen Anfällen während der Schwangerschaft; häufige
Asthmaanfälle gefährden die Sauerstoffversorgung und führen möglicherweise zu Hirnschäden beim Kind.
Das Unterlassen einer Behandlung kann ein größeres Risiko bedeuten als die Behandlung mit Arzneimitteln.
Medikamente während der Stillzeit
Stillen ist die beste Ernährung für den Säugling. Eine medikamentöse Therapie
der Mutter sollte nicht unkritisch als Begründung für Nichtstillen oder Abstillen gelten, sofern unnötige Arzneimitteleinnahmen
vermieden und in der Stillzeit erprobte Präparate verwendet werden.
Die meisten Medikamente erreichen in der Muttermilch Konzentrationen, die ungefährlich für das Kind sind. Bei wiederholter oder
regelmäßiger Einnahme können beim Säugling jedoch Beschwerden auftreten.
In manchen Fällen kann eine kurze Stillpause hilfreich sein (z.B. Medikamenteneinnahme erst unmittelbar nach der letzten abendlichen
Stillmahlzeit), um so die höchsten Arzneimittelkonzentrationen zu umgehen. Nur wenn eine Beeinflussung des Säuglings nicht vermieden
und die Medikamenteneinnahme durch die Mutter absolut unumgänglich ist, ist die Ernährung des Säuglings mit zubereiteter Nahrung günstiger.