Phantasiepreise für Medikamente
Eine Reportage von Hans Weiss (2004)
Wenn Sie davon träumen, reich zu werden, wirklich reich, und außerdem wenig Steuern zu zahlen; wenn Sie keine Skrupel haben und nicht davor zurückschrecken, den Staat und die Sozialsysteme zu betrügen; wenn es Ihnen nichts ausmacht, Ärzten das Blaue vom Himmel zu versprechen und schlechten Argumenten mit Bestechung und gefälschten Untersuchungsergebnissen nachzuhelfen – dann sollten Sie eine Pharmafirma gründen. Denn damit haben Sie die besten Chancen, Ihre Träume zu verwirklichen.
Flieder, Aspirin, Steuersätze
Derartige Praktiken – von der Täuschung bis zum systematischen Betrug – werden den Pharmakonzernen vorgeworfen. Und zwar nicht
irgendwelchen kleinen Firmen, sondern den weltweit Größten der Branche – Pfizer, GlaxoSmithKline, Bayer und vielen anderen. Wer ihnen
das vorwirft? Nicht irgendwelche missgünstigen Kapitalismuskritiker oder forsche Gegner der Schulmedizin, sondern Staatsanwälte in den
USA, in Italien, in Deutschland.
Die Tricks, mit denen internationale Konzerne ihre Steuern klein schreiben, spielen sich üblicherweise im Rahmen der gesetzlichen
Möglichkeiten ab. Das gilt für die Autoindustrie, die Nahrungsmittelindustrie, die Handelsriesen und selbst für den Bankenbereich, den
Energiesektor und die Telekommunikation. In der Pharmabranche hingegen herrschen andere Bräuche, da wird die gesetzliche Grenze
gelegentlich auch überschritten.
Unter Finanzbeamten gelten Pharmakonzerne als absolute Meister in der Disziplin, hohe Gewinne zu erwirtschaften und niedrige Steuern
zu zahlen.
Wie schaffen sie das? Welche Tricks wenden sie an?
Mit Hilfe eines Finanzfahnders, einer Pharmamanagerin und einer
Wirtschaftsdatenbank, die so exklusiv und teuer ist, dass selbst Finanzfahnder
keinen Zugang dazu haben, gelang es uns, den Großen
der Pharmabranche auf ihre Schliche zu kommen.
Der Reihe nach: Es begann mit einem Treffen in einem Gartenhaus Ende des Jahres 2003. Ich habe versprochen, weder den Ort noch die
näheren Umstände zu beschreiben. Ein hochrangiger Finanzfahnder hatte sich bereit erklärt, mir das Steuer-Einmaleins der
Pharmakonzerne zu erklären. Er hatte eine geradezu paranoide Angst davor, mit mir gesehen zu werden, und verlangte, dass ich meinen
Wagen in einer Entfernung von mehreren hundert
Metern parkte und das Haus zu Fuß aufsuchte. Der Flieder lockte, die Vögel prahlten, aber ich hatte keinen Sinn für die Schönheit der
Natur, ich wollte Zahlen und Daten hören.
Es gibt, so begann er, keinen Industriebereich, der so hohe Gewinne erzielt wie die Pharmaindustrie. In Deutschland und Österreich
veröffentlichen die Pharmakonzerne jedoch Bilanzen, aus denen man schließen müsste, das Geschäft mit Medikamenten sei ein Defizitgeschäft
und sie seien schon längst bankrott – was natürlich ganz und gar nicht der Fall ist. Im Gegenteil. Sie machen hier ebenso fabelhafte
Geschäfte wie in anderen Ländern, die als Steuerparadiese bekannt sind.
Kann man Bilanzen so einfach manipulieren? Wie funktioniert das?
Es handle sich, antwortete der Finanzfahnder, um ein ganz simples Rezept: Die Pharmakonzerne verrechnen zwischen den einzelnen
Tochterfirmen Medikamentenpreise, die Außenstehende – Finanzbeamte oder Krankenkassen – auch bei intensivem Nachforschen nicht
nachvollziehen können. Da habe, so fährt er resigniert fort, niemand eine Chance. Das Geheimnis der tatsächlichen Medikamentenpreise sei
nur wenigen Personen innerhalb eines Konzerns bekannt. Um das zu lüften, müsste man Zugang zu den allergeheimsten Papieren in den
Panzerschränken haben.
Er erklärte mir das System der wundersamen Preisgestaltung an einem anschaulichen Beispiel: Angenommen, ich will mein Auto verkaufen. Ist
die Käuferin meine arme, arbeitslose Schwester, verlange ich dafür wenig Geld. Ist die Käuferin aber meine zweite Schwester, die sehr
reich ist und mich auch gerne unterstützt, werde ich sehr viel Geld dafür verlangen.
Genauso funktioniert es mit den Tochterfirmen der Pharmaindustrie. Die Preise, die sie untereinander verrechnen, können innerhalb des
Konzerns mehr oder weniger beliebig festgelegt werden. Wie soll man als Finanzfahnder kontrollieren, ob die Herstellung von 20
Aspirintabletten 3 Euro oder 3 Cent kostet? Das ist nicht möglich. Und je nachdem stehen dann in den Geschäftsberichten gute oder
schlechte Zahlen. In Deutschland und Österreich stehen meistens schlechte Zahlen – schlecht aus der Sicht des Finanzamtes.
Der Finanzfahnder: »In Deutschland und Österreich sind die offiziellen Steuersätze sehr hoch. Wenn die Firma in Deutschland 38 Prozent
ihres Geschäftsgewinns ans Finanzamt bezahlen muss, in Österreich 34 Prozent und in Irland nur 12 Prozent – wo wird sie dann versuchen,
Gewinn zu machen? Natürlich in Irland und nicht in Deutschland oder Österreich! Sonst wäre sie ja dumm. Und den Pharmakonzernen kann man
vieles vorwerfen, aber ganz gewiss nicht, dass sie dumm sind. In dieser Hinsicht gehören sie zu den Klügsten.«
Amadeus
Mein nächster Schritt: Ich wollte wissen, ob das, was mir der Finanzfahnder erzählt hatte, auch
tatsächlich an den Geschäftszahlen ablesbar ist, und nahm mir den weltgrößten Pharmakonzern vor. Es handelt sich um die US-Firma
Pfizer, die durch das Erektionsmittel Viagra berühmt wurde. Pfizer erzielte im Jahr 2002 einen Umsatz von 27,8 Milliarden Euro und
einen Gewinn von 7,8 Milliarden Euro, also einen Gewinnanteil von 28 Prozent des Umsatzes. Davon können Autohersteller wie BMW oder VW
nur träumen.
Die Frage lautete also: Sind die Gewinne und Steuerleistungen von Pfizer in Deutschland und Österreich kleiner als in anderen Ländern mit
niedrigen Steuersätzen?
Ich suchte zunächst im Internet und landete zufällig einen Glückstreffer – den probeweisen, kostenlosen Zugang zu einer Datenbank, die den
klangvollen Namen Amadeus trägt. Da geht es aber nicht um Musik, sondern um detaillierte Informationen über alle europäischen Firmen,
große und kleine, Konzernzentralen und Tochterfirmen. Mit einem Passwort öffnet sich eine geheime Welt. Wer per Internet ein Jahr lang
einen vollen Zugang zu diesen Daten haben will, muss dafür 56.000 Euro bezahlen. Dieser hohe Preis sorgt dafür, dass nur internationale
Konzerne oder die Crème de la Crème der Finanzwelt diesen Service kennen und nutzen.
Amadeus ermöglichte es mir, für jedes einzelne Land in Europa und für jede einzelne Tochterfirma von Pfizer nachzusehen, wie hoch der
Umsatz ist, wie hoch der Gewinn ist, wie hoch die Steuerleistung ist. Und zwar Jahr für Jahr, über viele Jahre hinweg.
Das Ergebnis ist ganz so, wie es der Finanzfahnder beschrieben hatte:
Der Gewinnanteil von Pfizer beträgt beispielsweise für das Jahr 2000 in Deutschland etwa 2 Prozent des Umsatzes, in Österreich etwa 7
Prozent. Das sind lächerliche Zahlen im Vergleich zu den 33 Prozent, die Pfizer für Europa insgesamt an Gewinn ausweist!
In den Folgejahren liegen die Gewinne in Europa noch höher: bei 64 Prozent im Jahr 2001 und bei 52 Prozent im Jahr 2002. Ein Desaster sind
hingegen die Gewinnzahlen für Deutschland und Österreich: Sie fallen prozentual sogar noch ab!
Als naiver Beobachter fragt man sich nun, was mit den Milliardengewinnen geschieht, die Pfizer in bestimmten Ländern erzielt. Nun, sie
werden als Vermögen gehortet. Und zwar hauptsächlich in Holland (rund 27 Milliarden Euro) und in Irland (rund 8 Milliarden Euro). Beide
Länder sind als Steueroasen bekannt.
Wir können uns nun gemeinsam mit Hilfe der Datenbank Amadeus ansehen, wie viel Steuern Pfizer in Irland und in Holland bezahlt. Die
Zahlenangaben für diese beiden Länder sind leider ein wenig lückenhaft; vielleicht auch deshalb, weil der Konzern kein großes Interesse
daran hat, dass derartige Informationen bekannt werden.
Die holländische Firma »Pfizer Global Holdings B.V.« erzielte 1999 mit einem einzigen Mitarbeiter einen Gewinn von 193 Millionen Euro und
verbuchte dafür keine Steuerzahlung, sondern eine Steuereinnahme von 18 Millionen Euro. Gut für Pfizer, denn dadurch erhöht sich der
Gewinn natürlich noch.
Die ähnlich klingende holländische Firma »Pfizer Holdings B.V.« erzielte im Jahr 2000 mit einem einzigen Mitarbeiter einen Gewinn von 773
Millionen Euro und zahlte dafür lediglich 2 Millionen Euro Steuern.
Die irische Firma »Pfizer Holdings Europe« erzielte 1999 mit einem einzigen Mitarbeiter einen Gewinn von 141 Millionen Euro.
Steuerleistung 0. In Worten: null. Im Jahr darauf wird ein Gewinn von 107 Millionen Euro verbucht und eine Steuerleistung, die erneut null
beträgt.
Wir könnten hier für viele andere europäische Länder noch Hunderte ähnlicher Belege aufzählen und sie würden alle dieselbe Tendenz
zeigen:
- Pfizer erzielt hohe Gewinne und zahlt wenig bis gar keine Steuern in Ländern, in denen die offiziellen Steuersätze niedrig sind – also in Irland und Holland
- Pfizer erzielt niedrige Gewinne und zahlt deshalb in absoluten Zahlen wenig Steuern in Ländern, in denen die offiziellen Steuersätze hoch sind – also in Deutschland und Österreich.
Das große Gewinnspiel
Nicht nur Pfizer, sondern auch andere Pharmakonzerne trieben dieses System im Lauf der Zeit so auf die Spitze, dass selbst dem
Dümmsten klar wurde: Mit den Bilanzen kann etwas nicht stimmen. Schließlich traf die österreichische Finanzbehörde mit den Konzernen
ein Arrangement, das der Behörde half, das Gesicht zu wahren, und den Firmen erlaubte, weiterhin nur wenig Steuern zu zahlen. Lassen
wir dazu den Finanzfahnder selbst zu Wort kommen:
»In der Bilanz von Pfizer Österreich sieht man etwas sehr Interessantes, nämlich den Posten ›Rückvergütung Werbeaufwand‹. Nur
Eingeweihte wissen, was das bedeutet! Offiziell ist es nämlich so, dass Pharmakonzerne in Österreich nur Verluste machen und das seit
Jahrzehnten. Ein normaler Unternehmer sagt in diesem Fall: Das ist ein Defizitgeschäft,
das kann ich mir nicht leisten, ich mach den Laden dicht! Die Pharmafirmen machen aber nicht dicht. Warum? Weil sie solche
Menschenfreunde sind? Nein, es hat andere Gründe. Die offiziellen Bilanzzahlen sind alle manipuliert.«
Dann aber passierte eine Art Betriebsunfall: Eine österreichische Finanzbeamtin, zuständig für die Prüfung von Pharmafirmen,
veröffentlichte Mitte der neunziger Jahre einen Artikel in der österreichischen Steuerzeitung, wo sie den Verdacht äußerte, mit den
Geschäften der Pharmakonzerne könne etwas nicht stimmen. In den Bilanzen stehe nämlich immer ein Defizit. Und das bedeute: null
teuereinnahmen für den Staat. Merkwürdig, merkwürdig.
Der Artikel war sowohl für die Steuerbehörde als auch für die Konzerne unangenehm. Denn nun konnte keine Seite mehr stillschweigend
über die Sache hinwegsehen.
Was tun? Die Beteiligten erfanden für die Bilanz einen neuen, trickreichen Posten, nämlich die »Rückvergütung Werbeaufwand«. Das ist
eine Zahlung der Konzernzentrale an die österreichische Tochterfirma, die diese als Einnahme verbucht und damit ein positives Ergebnis
erzielt. Jetzt endlich werden auch Steuern bezahlt. Nicht viel, um Gottes willen. Aber nun kann niemand mehr behaupten, es ist gar
nichts.
Und so sind am Ende alle zufrieden, der Staat und die Konzerne. Wie hoch die »Rückvergütung« ist, bleibt der Zentrale überlassen.
Jedenfalls ist es eine ideale Möglichkeit für die Pharmakonzerne festzulegen, wie hoch der Gewinn und damit die Steuerzahlung
ausfällt.
»Aber«, wende ich ein, »das sieht doch ein Blinder, dass trotzdem etwas faul ist an der Sache. In der Bilanz von Pfizer Österreich für
das Jahr 2001 steht, dass die Firma für Werbung 10,2 Millionen ausgegeben hat, aber von der Zentrale eine Rückvergütung von 23
Millionen erhalten hat. Warum kriegen die 23 Millionen, obwohl sie nur 10,2 ausgegeben haben?«
»Das ist eben die gute österreichische Lösung«, erklärt der Finanzfahnder.
»Mit dieser Zahlung kann die Zentrale exakt festlegen, wie hoch der Gewinn sein wird und wie viel Steuern bezahlt werden. So etwas
nennt man Gestaltungskraft.«
Ich werde Export-Import-Händler
Gestaltungskraft! Kommen wir noch einmal zurück auf die Ausgangsfrage:
Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten eines Medikaments? Ich frage – vertraulich – eine Managerin des schweizerischen Pharmakonzerns
Novartis, ob sie mir weiterhelfen kann, vielleicht sogar mit Firmenunterlagen. Sie könnte, will aber nicht. Denn damit würde sie
ihren Job riskieren. Sie hat jedoch eine interessante Idee. Ich soll mich als Export-Import-Händler ausgeben und bei den Herstellern
von Medikamenten-Wirkstoffen Preisangebote einholen. So erfahre ich, wie hoch die tatsächlichen Kosten sind. »Sie werden überrascht
sein, wie billig Wirkstoffe sind«, prophezeit sie und nennt mir die Namen einiger Hersteller, die auch für renommierte Pharmakonzerne
produzieren.
Meine Verwandlung erfordert keinen großen Aufwand. Ich behalte meinen Namen und meine Adresse und gebe mich als Export-Import-Händler
aus – in der ersten E-Mail, die ich am 29. Februar 2004 an die Hefei Scenery Chemical Co. Ltd in der Volksrepublik China schicke.
Zunächst will ich wissen, wie viel die Herstellung des Viagra-Wirkstoffes Sildenafil kostet.
Hier ist die Übersetzung der E-Mail:
Betreff: Sildenafil citrate bulk order
Sehr geehrte Damen und Herren,
ein Geschäftsfreund aus Großbritannien hat mich auf Ihr hervorragendes Angebot aufmerksam gemacht. Ich bin Export-Import-Händler mit
Sitz in Wien (Österreich/Europa) und Rumänien (Osteuropa).
Ich würde gerne von Ihnen die pharmazeutische Substanz Sildenafil kaufen; zunächst in einer Menge von 10 Kilogramm und in Zukunft
regelmäßig innerhalb der nächsten zwei Jahre in einer Menge von 100 bis 150 Kilogramm pro Jahr.
Ich würde Sildenafil von Ihnen nach Großbritannien liefern lassen und es offiziell dort importieren, um sicherzustellen, dass
keinerlei Patentrechte anderer Firmen verletzt werden. Selbstverständlich werde ich Ihnen alle schriftlichen Garantien liefern, die
Sie benötigen.
Würden Sie mir bitte Ihre Lieferbedingungen mitteilen (Preise, Bezahlungsmodus und so weiter) und mir Details über die Qualität Ihrer
Produktion angeben?
Falls Ihr Angebot zufriedenstellend ausfällt, würde ich zunächst gerne eine kleine Testmenge von Sildenafil untersuchen lassen.
In Erwartung Ihres Angebots und mit freundlichen Grüßen,
Dr. Hans Weiss
Schon am Tag darauf schickt mir Xu Feiquan von der Hefei Scenery Chemical Co. Ltd ein interessantes Angebot:
Lieber Dr. Hans Weiss,
danke für Ihre E-Mail.
Betrifft: Garantie-Erklärung. Wir liefern Ihnen unsere Produkte als Muster, nur gedacht für Tests und Forschung.
Betrifft: Preise, Zahlungsmodus und so weiter. Unser Preis beträgt 650 Euro pro Kilogramm plus Transportkosten. Normalerweise
verwenden wir einen Kurier.
Für die Zahlung akzeptieren wir »t/t advance«. Wenn es sich um eine kleine Menge handelt
(weniger als 1 Kilogramm), ist der Preis wahrscheinlich sehr hoch.
Betrifft: Qualitätsstandard. Bitte beachten Sie das angehängte Analyseergebnis.
Betrifft: Testmenge. Bitte teilen Sie uns mit, wie viel Sie benötigen.
Grüße,
Xu Feiquan
Jetzt weiß ich, wie viel der Viagra-Wirkstoff kostet: 650 Euro pro Kilogramm. Damit kann man 20.000 Viagra-Tabletten herstellen. Wenn
man für jede Tablette den üblichen Preis von 12 Euro verlangt, ergibt das in Summe 240.000 Euro.
Wenn man sich ansieht, wie hoch der Kostenanteil des Viagra-Wirkstoffes am Verkaufspreis des Medikaments ist, dann wird klar, warum
die Pharmakonzerne so hohe Gewinne machen. Bei Viagra sind es lediglich 0,26 Prozent!
Ein Vergleich mit dem Goldpreis ergibt folgendes Ergebnis: Viagra ist 20-mal teurer als Gold. Aber die Forschungskosten!, ruft im
Hintergrund der vielstimmige Chor der Pharmakonzerne, die Forschungskosten sind extrem hoch und die müssen eben über die
Medikamentenpreise bezahlt werden.
Dieses Argument ist oft an den Haaren herbeigezogen. Viagra ist ein gutes Gegenbeispiel, denn Viagra enthält keinen neuen Wirkstoff.
Es handelt sich um ein bereits bekanntes
Medikament, das ursprünglich gegen Herz-Kreislauf-Probleme entwickelt wurde. Als während der Testverfahren auffallend viele Patienten
über starke Erektionen berichteten,
änderten die Forscher das Untersuchungsziel. Die Nebenwirkung »Erektion« wurde zur Hauptwirkung erklärt, und nun testete Pfizer an
3.000 Patienten eben diese. Schließlich wurde Viagra 1998 in den USA als Erektionsmittel zugelassen, und seither sprudelt für den
Konzern eine unerschöpfliche Geldquelle. Bei geschätzten Forschungskosten von 30 Millionen Euro erzielte Pfizer bisher mehr als 7
Milliarden Euro Einnahmen. In den USA läuft der Patentschutz erst im Jahr 2011 ab. Bis dahin hat Pfizer ein Vermarktungs- und
Preismonopol.
Was kostet Aspirin?
Da ich inzwischen als Medikamentenhändler etabliert war, weitete ich meine Geschäftstätigkeit aus und holte weitere Preisangebote ein.
Zum Beispiel für den Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure, der bereits vor mehr als 100 Jahren in Deutschland entwickelt wurde, von
einer Vorgängerfirma des Pharmakonzerns Bayer. Von Forschungskosten
für die Entwicklung, die über den Medikamentenpreis hereingespielt werden müssen, kann bei Aspirin heute keine Rede mehr sein.
Was kostet Aspirin und was kostet der Aspirin-Wirkstoff? Auch in diesem Fall sind chinesische Anbieter unschlagbar günstig. Ich stieß
auf die Firma »Shandong Xinhua Pharm«, die auch den US-Markt beliefert.
Lieber Herr An Quing, liebe Frau Zhou Hui,
ich bin Export-Import-Händler mit Sitz in Wien (Österreich/Europa). Ich würde von Ihrer Firma gerne Acetylsalicylsäure von der
Qualität USP 24 kaufen, und zwar regelmäßig 50 Kilogramm pro Monat. Bitte teilen Sie mir Ihre Geschäftsbedingungen mit (Preis pro
Kilogramm, Transportkosten, Zahlungsmodus und so weiter).
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Hans Weiss
Antwort von Frau Zhou Hui:
Wir möchten Sie freundlicherweise darüber informieren, dass die Mindestbestellung 2 Tonnen beträgt.
Beste Grüße,
Zhou Hui
Ich erhöhte die gewünschte Bestellmenge und erhielt kurz darauf per Fax folgendes Angebot:
»Acetyl salicylic acid BP2002/ USP27 20–60 MESH USD1.72/KG CIF VIENNA 25 KGS carton or fibre drum Ppt shipment T/T in advance«.
Es war nicht schwer, diese Botschaft zu entschlüsseln. Ein Kilogramm des Aspirin-Wirkstoffes kostete 1,72 US Dollar (= 1,38 Euro). Ein
lächerlicher Betrag. Ich begann wieder zu rechnen. Aus einem Kilogramm Aspirin-Wirkstoff konnte ich 100 Packungen »Aspirin direkt
Kautabletten« zum Verkaufswert von insgesamt 675 Euro herstellen. Das ergab einen
Kostenanteil von 0,2 Prozent des Verkaufspreises.
Recherchen zu weiteren Medikamenten bestätigen diesen Trend. Die Kosten für die Herstellung von Medikamenten sind so niedrig, dass sie
bei der Preiskalkulation bedeutungslos sind:
– Adalat – ein Herz-Kreislauf-Mittel von Bayer: 1,1 Prozent Kostenanteil
– Sortis – ein Cholesterinsenker von Pfizer, der sich zum umsatzstärksten Medikament in Deutschland entwickelte: 2,9 Prozent
Kostenanteil
– Celebrex – ein Rheumamittel von Pfizer: 2,1 Prozent Kostenanteil
– Taxol – ein Krebsmittel des US-Konzerns BristolMyersS-quibb: 3 Prozent Kostenanteil
– Diovan – ein Hochdruckmittel des schweizerischen Konzerns Novartis: 6 Prozent Kostenanteil
Novartis – zugeknöpft wie eine Schweizer Bank
Mit dem letzten Beispiel – Diovan – sind wir bei einem interessanten Hersteller angelangt. Novartis ist der fünftgrößte Pharmakonzern
der Welt, mit ähnlich hohen Gewinnraten wie Pfizer: Jahr für Jahr 20 bis 24 Prozent vom Umsatz.
Gewinnzahlen und Steuerleistungen der Tochterfirmen in Deutschland und Österreich werden geheim gehalten. Selbst die sonst so
ergiebige Datenbank Amadeus enthält nur Umsatzzahlen. Auf eine Anfrage antwortete die Presseabteilung von Novartis Austria:
»Wir veröffentlichen ausschließlich unsere Umsätze.«
Schließlich erhielt ich die Zahlen aber doch noch – von der Novartis-Managerin. Sowohl bei der deutschen als auch bei der
österreichischen Tochterfirma zeichnet sich derselbe Trend ab wie bei Pfizer: stark steigende Umsätze, aber auffallend niedrige
Gewinn- und Steuerraten. Dass die offiziellen Medikamentenkosten mit den tatsächlichen Kosten wenig zu tun haben, ergibt sich auch aus
einem Stoß geheimer Marketingunterlagen, die ich ebenfalls der Novartis-Managerin verdanke. Ihre ursprünglich abwehrende Haltung hatte
sie im Verlauf
mehrerer Treffen aufgegeben und einiges aus dem Panzerschrank des Konzerns mitgebracht.
Die zur Verfügung gestellten Unterlagen belegen, dass Novartis einen großen Teil seiner Medikamente an Apotheken verschenkt. Ja,
schlichtweg verschenkt! Geschätzter Wert: allein in Österreich 50 Millionen Euro pro Jahr! Und das bei einem ausgewiesenen Gewinn von
nicht einmal einer Million Euro.
Tennisplatz, Fußballmatch, Mikrowelle
Eine interessante Lektüre im »Geschenkpaket« der Novartis-Managerin waren die »Richtlinien für Werbeausgaben«, die von
Novartis-Ärztevertretern als Anleitung im Umgang mit Ärzten verwendet werden.
Da steht zum Beispiel:
– »Keine Mikrowelle, Computer etc.« – Aber jede Regel hat ihre Ausnahmen, denn gleich anschließend daran heißt es in den Richtlinien:
»Ausnahmefälle über TL/ADL«
– »Wissenschaftliches Programm – Freizeitaktivitäten als nebensächlich darstellen!«
– »Nicht abzugsfähige Repräsentationskosten wie z. B. Theaterkarten, Karten für Fußballmatch, Tennisplatzmiete müssen mit der
Bemerkung ›Produktpräsentation‹ versehen werden«
– »Prinzipiell ›Fortbildung‹ oder ›Präsentation Produkt XY‹ auch bei Weihnachtsfeier, Geburtstagsfeier, Praxiseröffnung,
Christbaum-Aktion«
Was hat das mit unserem Thema zu tun? Sehr viel. Es geht hier letztlich um Steuern. Denn solche als »Werbeausgaben« getarnten
illegalen Zuwendungen an Ärzte verringern den Gewinn und damit die Steuerleistung. Theaterkarten, Mikrowellenherde, Christbäume und
andere Kleinigkeiten summieren sich zu Millionenbeträgen.
Allein der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline soll laut Ermittlungsergebnissen der italienischen Finanzpolizei im Zeitraum 1990
bis 2002 Computer, Kameras, Ferienaufenthalte oder einfach Bargeld im Wert von insgesamt 228 Millionen Euro an Ärzte verteilt haben.
Firmenintern wurden diese Geschenke als »sonstige Verkaufsförderung« verbucht. Als Gegenleistung verschrieben die Ärzte vermehrt
Medikamente des Konzerns. Im Juni 2004 wurde bekannt, dass die italienische Staatsanwaltschaft deshalb Anklagen gegen mehr als 4000
Ärzte vorbereitet.
Sind die Italiener besonders korrupt? Überhaupt nicht! Die englische Pharma-Marketingfirma »PMLive« schreibt: »Industrieexperten
weisen darauf hin, dass die von italienischen Finanzprüfern aufgedeckten Praktiken der Pharmakonzerne in ganz Europa angewendet
werden – von der gesamten Pharmabranche.«
Anfang des Jahres 2004 brachte der US-Generalstaatsanwalt in Washington eine Klage gegen 13 Pharmakonzerne ein, neben den drei
weltgrößten Pfizer, GlaxoSmithKline und AstraZeneca auch gegen die deutschen Konzerne Bayer und Boehringer Ingelheim. Ihnen wird
vorgeworfen, den Staat durch überhöhte Medikamentenpreise um »Hunderte von Millionen Dollar« geschädigt zu haben. Zusätzlich forderte
die US-Steuerbehörde vom britischen Konzern GlaxoSmithKline Anfang 2004 eine Summe von umgerechnet 4,2 Milliarden Euro ein.
Der Vorwurf: Umgehung von Steuerzahlungen durch falsche Preisangaben bei Medikamenten. Experten schätzen, dass die von der
US-Steuerbehörde eingeforderte Summe auf 5,6 Milliarden Euro anwachsen könnte.
In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits seit 1990 wegen Geschenkverteilungsaktionen von Pharmafirmen. Inzwischen sind
71 Ärzte und Dutzende Firmenmitarbeiter wegen Bestechung angeklagt.
Rufe nach schärferen gesetzlichen Bestimmungen weist die deutsche Pharmaindustrie mit dem Hinweis zurück, der Verein »Freiwillige
Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e.V.« sorge dafür, dass Ärzte nicht unlauter beeinflusst werden. Regelverstöße werden mit
maximal 250.000 Euro Strafe und einer Rüge geahndet.
Die Frage ist, ob sich milliardenschwere Konzerne davon beeindrucken lassen.