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Interview mit Hans Weiss

Hans Weiss kritisiert das Preisdiktat der Arzneimittelindustrie. Für Recherchen des Buches "Korrupte Medizin" ließ er sich zum Pharmavertreter ausbilden und stellte fest, dass die Medikamentenhersteller „zwei Gesichter" haben.


Scholl: Die Pharmaindustrie behauptet immer beinhart, unsere Präparate müssen so teuer sein, weil wir vorher Milliarden und Milliarden in die Forschung und Entwicklung gesteckt haben. Stimmt das nicht?

Weiss: Das klingt schön, ist aber leider total falsch - oder jedenfalls zur Hälfte falsch. Nach meiner Erfahrung hat die Pharmaindustrie zwei Gesichter. Das eine ist das offizielle schöne, wo uns immer wieder erzählt wird, wie viel Geld in die Forschung gesteckt wird, wie viel das kostet und wie viel neue, schöne Präparate da entwickelt werden.

Das zweite Gesicht der Pharmaindustrie, die Realität, die ist ganz anders, und die habe ich mit eigenen Augen und Ohren kennengelernt. Ich habe mich für das Buch "Korrupte Medizin" beispielsweise als Pharmaconsultant ausgegeben, das ist ein Industrieberater im Pharmabereich, habe einen Firmennamen erfunden - Solutions - und habe mich angemeldet für pharmainterne Kongresse.

Habe für die Einladung - drei Tage Teilnahme an einem Kongress - knapp 4000 Euro bezahlt, das ist sehr viel Geld, aber in der Pharmaindustrie ist halt alles teuer. Und wenn Sie so viel Geld bezahlen, dann fragt niemand danach, wer Sie sind, was Sie tun, Sie sind vollkommen unverdächtig. Da waren etwa 500 Topleute aus der Pharmabranche unter sich, keine Öffentlichkeit, keine Journalisten, ungefähr 30 Top-Pharmamanager aus Deutschland, und da hören Sie dann halt ganz unverblümte Wahrheiten, wie etwa die: Wir kotzen den Ärzten einen Marketingmix ins Gesicht, und das Erstaunliche ist, die schlucken das. Und solange die das schlucken, gibt es keinen Grund, unsere Geschäftspolitik zu ändern.

Da ist auch ganz unverblümt davon die Rede gewesen, dass die Pharmaindustrie eine marketingorientierte Industrie ist und keine forschungsorientierte, dass viel zu viel Geld in Marketing hineingesteckt wird, viel zu wenig Geld in Forschung, und dass das, was rauskommt aus der Forschung, in der letzten Zeit sehr dürftig ist. Zum Großteil sind das nämlich nur Nachahmerpräparate und keine wirklichen Neuheiten.

Scholl: Ein weiteres Argument ist, dass die jeweiligen Wirkstoffe in den Medikamenten hohe Kosten verursachen. In Ihrem Buch, Herr Weiss, schreiben Sie, dass dieses Argument der größte Witz sei. Wieso?

Weiss: Ja, das ist ja eigentlich ein streng gehütetes Geheimnis, was die Wirkstoffe wirklich kosten. Ich habe das mit einem simplen Trick herausgefunden, wieder nach Art von Günter Wallraff. Ich habe mich ausgegeben als Import-Export-Händler, habe internationale renommierte Wirkstoffhändler angeschrieben - die Pharmaindustrie, also die großen Konzerne, die stellen ja nicht alles selber her, sondern lassen herstellen -, und ich habe mir für etwa 20 Medikamente, die in Deutschland häufig verwendet werden, Angebote stellen lassen.

Was kosten die Wirkstoffe, wenn ich da ein Kilo, zehn Kilo et cetera kaufe. Da waren Schmerzmittel drunter, Krebsmittel, Hochdruckmittel, Cholesterinsenker et cetera. Und das Verblüffende war, der Kostenanteil des Wirkstoffs am Verkaufspreis des Medikamentes nur ein bis zwei Prozent beträgt. So niedrig. Das heißt, die Kosten des Wirkstoffes gehen eigentlich gegen null.

Scholl: Also wenn man es mal zusammenrechnet, 860 Millionen Euro kosten die Wirkstoffe, die in einem Jahr in Deutschland verordnet werden, für die Medikamente selbst verlangen die Firmen aber 34 Milliarden. Demnach sind es also wirklich Wucherpreise, die die Konzerne verlangen?

Weiss: Ja, das ist richtig. Also um das noch einmal deutlich zu machen vielleicht an einem Beispiel, an einem Krebsmittel: Taxol, das ist ein Krebsmittel einer amerikanischen Firma, Bristol-Myers Squibb, da kostet eine Packung, also eine Infusion, 676,70 Euro. Das ist ein Wucherpreis.

Der Anteil des Wirkstoffs von diesem Medikament beträgt lediglich ein Euro. Das heißt, die Firma zahlt da einen Euro beim Wirkstoffhersteller und verkauft es um 676,70 Euro. Ja, wenn man das nicht Wucher nennen soll, was dann? Und das, weil diese Spannen so groß sind, das ist der Grund, warum die Pharmakonzerne so viel Geld verdienen. Es gibt keine Branche, die so hohe Gewinne macht wie die. 20 bis 30 Prozent des Umsatzes sind reiner Gewinn, der ihnen bleibt.

Scholl: : Gäbe es denn Parameter, um Preise gerecht festzulegen? Adäquat, dass man sagt, da wird das Verhältnis von Forschung, von Marketing, von Aufwand und Ertrag irgendwie so eingerechnet, dass es "vernünftig" ist, in Anführungszeichen?

Weiss: Das ist natürlich möglich. Ich meine, die Pharmaindustrie veröffentlicht ja selber Zahlen, wo sie bekannt gibt, dass sie beispielsweise für Forschung etwa 15 Prozent des Umsatzes ausgibt an Geldern, im Vergleich dazu an Marketing 50, 55 Prozent, also das mehr als Dreifache. Und die Preise stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu dem Forschungsaufwand, den die Firmen haben, derzeit.

Scholl: Das war Hans Weiss, Autor des Buches "Korrupte Medizin", erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Herr Weiss, danke für das Gespräch!“

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