Diabetesmittel Avandia – Milliardengewinne der Herstellerfirma mit einem fragwürdigen Medikament, das besser verboten werden sollte
Im Juli 2000 brachte der englische Pharmakonzern SmithKline Beecham (inzwischen GlaxoSmithKline) mit viel Werbeaufwand sein neues Diabetesmittel Avandia auf den Markt. Zentrale Aussagen: „wichtiger Durchbruch bei der Kontrolle des Blutzuckers“ sowie: „sehr gut verträglich“.
Unsere erste Bewertung des Medikaments in der Ausgabe 2002-2004 der Bitteren Pillen lautete folgendermaßen: „Abzuraten. Der Nutzen dieses Mittels ist zweifelhaft. Ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis“.
So wie die meisten neuen Medikamente war Avandia extrem teuer und zum Zeitpunkt der Zulassung durch die Arzneimittelbehörden nicht ausreichend geprüft. Es stand von Anfang an im Verdacht, das Risiko lebensgefährlicher Nebenwirkungen an Herz und Leber in sich zu bergen.
Für den Hersteller war das Medikament eine Goldgrube. Mehr als sechs Millionen Diabetiker wurden weltweit damit behandelt. 2007 war Avandia die Nummer 2 in der Verkaufsstatistik von GlaxoSmithKline, mit einem weltweiten Jahresumsatz von 3,2 Milliarden US-Dollar. In Deutschland wurden 2007 rund 630.000 Packungen mit einem Umsatz von 73 Millionen Euro verkauft.
Von Anfang an versuchte der Konzern die Risiken des Mittels zu verschleiern und klein zu reden. Im August 2001 forderte die US-Arzneimittelbehörde FDA den Konzern auf, einen irreführenden TV-Werbespot nicht weiter auszustrahlen, bei dem Risiken verschwiegen oder verharmlost wurden.
Außer den von Anfang an bekannten Risiken (Leberschäden, Herzschwäche, Gewichtszunahme, Blutarmut, Anstieg des Cholesterinspiegels) wurden nach und nach weitere bekannt: Anfang des Jahres 2007 stellte sich beispielsweise heraus, dass Avandia Knochenbrüche bei Frauen verursachen kann.
Und im Mai 2007 veröffentlichte eine medizinische Fachzeitschrift Warnungen über stark erhöhte Risiken von Herzinfarkten und tödlichen Herzkreislauferkrankungen. Reaktion des Konzerns: Der zuständige Entwickler bei GlaxoSmithKline, Lawson Mc Cartney, erklärte, die Aussagen des Artikels seien falsch. Der Konzern könne die erwähnten Risiken nicht erkennen und habe weiter Vertrauen in die Sicherheit des Arzneimittels.
Im Herbst 2007 wiesen amerikanische Politiker darauf hin, dass Beamte der US-Gesundheitsbehörde, die auf erhöhte Nebenwirkungsrisiken von Avandia aufmerksam machen wollten, abgestraft und mundtot gemacht wurden. Dass der Konzern dabei seine Hand im Spiel hatte, ist nicht nachweisbar. Tatsache ist aber, dass GlaxoSmithKline allein im ersten Halbjahr 2007 2,8 Millionen US Dollar zur Beeinflussung von Entscheidungen der US-Regierung ausgegeben hat.
Einige Mediziner gehen inzwischen davon aus, dass durch die Verwendung von Avandia weltweit möglicherweise für 60.000 bis 100.000 Herzinfarkte ausgelöst wurden.
Die Arzneimittelbehörden in Europa (EMEA in London) und in den USA (FDA) haben inzwischen veranlasst, dass in die Fachinformationen für Ärzte schärfere Warnhinweise auf die Nebenwirkungsrisiken aufgenommen wurden. Diese Reaktion ist unserer Meinung nach ungenügend.
Notwendig wäre hingegen ein weltweites Verbot von Avandia, so wie das etwa die US-Verbraucherschutzorganisation „Public Citizen´s Health Group fordert. An unserer ursprünglichen Bewertung von Avandia hat sich nichts geändert: Abzuraten.