Homöopathie und Anthroposophie verzeichnen immer noch Zuwächse. Mehr als zwei Dittel aller niedergelassenen Ärzte in Deutschland verschreiben zumindest gelegentlich homöopathische Mittel.
Was sowohl die Homöopathie als auch die Anthroposophie so anziehend für viele Patienten macht, ist der Ruf, »sanft« und »risikolos« zu sein und Medikamente zu verwenden, die keine oder nur geringfügige Nebenwirkungen haben.
Häufig lassen sich Patienten gleichzeitig von unterschiedlichen Medizinsystemen behandeln und schlucken sowohl konventionelle als auch homöopathische bzw. anthroposophische Medikamente.
Anthroposophische Medizin wird von vielen Menschen gleichgesetzt mit Homöopathie, weil beide Medizinsysteme Arzneimittel verwenden, die stark verdünnt sind. Bei der Anthroposophie handelt es sich jedoch um ein von der Homöopathie vollkommen verschiedenes medizinisches und weltanschauliches Konzept.
Wie viele Packungen homöopathischer oder anthroposophischer Heilmittel tatsächlich verkauft werden, weiß man nicht, weil dieser Markt teilweise im Verborgenen blüht und viele Apotheker und Kleinfirmen solche Arzneimittel selbst herstellen.
Außer Ärzten verordnen oder verteilen auch Heilpraktiker (12.000 in Deutschland), Hebammen und andere in der medizinischen Versorgung Tätige homöopathische Mittel.
Der Anteil der in Apotheken verkauften verkauften homöopathischen Mittel ist im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten gering und liegt bei weniger als 1 Prozent des Gesamtmarktes. Im Jahr 2003 waren es 14 Millionen Packungen, 2006 deutlich mehr: 16,5 Millionen.
Die Homöopathie geht davon aus, dass jedem Menschen eine ganz bestimmte, eigene »Lebenskraft« innewohnt. Krankheit entsteht dann, wenn die »Lebenskraft« durch äußere Faktoren wie Bakterien, Viren oder Umwelteinflüsse gestört wird.
Gesund wird man nicht durch Behandlung einzelner Symptome oder Organe, sondern dadurch, dass die »verstimmte Lebenskraft« durch eine homöopathische Arznei wieder »reguliert« wird.
Die Schwierigkeit liegt darin, die richtige Arznei herauszufinden.
Seriöse Homöopathen gehen dabei nach folgenden Prinzipien vor:
Erst nach einer exakten Diagnose, betont der Ehrenvorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, Dr. Karl-Heinz Gebhardt, kann ein Homöopath entscheiden, welche Behandlungsweise infrage kommt:
Die wichtigsten ärztlichen Vertreter der Homöopathie sehen diese Lehre damit keineswegs als eine, die allumfassend in jedem Fall angewendet werden soll. Das gilt nicht für Heilpraktiker, die entsprechend ihrer Orientierung entscheiden.
Fällt die Entscheidung zugunsten einer homöopathischen Behandlung, »so beginnt die eigentliche Arbeit erst«, schreibt Dr. Gebhardt. Und zwar mit einer genauen Befragung der oder des Kranken. Dieses erste Gespräch dauert normalerweise etwa 45 bis 60 Minuten.
Aus der Fülle der Symptome ergeben sich Grundzüge von Verhalten und Charakter des Patienten. In Kombination mit den Krankheitssymptomen wird das angeblich passende Medikament bestimmt, das die »Lebenskraft« wiederherstellen soll.
Hömopathen halten sich bei der Medikamentenauswahl an bestimmte Regeln, die auf Dr. Samuel Hahnemann (1755–1843), den Begründer der Homöopathie, zurückgehen. Dieser probierte an sich und einer Gruppe von Ärzten die Wirkung bestimmter Pflanzen, Mineralien und tierische Produkte aus. Er stellte fest, dass diese Stoffe bei gesunden Menschen Anzeichen (Symptome) hervorrufen, die oft den Anzeichen von Krankheiten gleichen.
Damit begründete er einen der zentralen Lehrsätze der Homöopathie: »Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt« (Similia similibus curantur).
Bei der Behandlung der Bronchitis bedeutet dies z. B., dass die Symptome dieser Erkrankung nicht mit einem geeigneten Wirkstoff unterdrückt, sondern verstärkt werden. Auf diese Weise soll die Selbstheilungskraft des Körpers angeregt und die »Lebenskraft« wiederhergestellt werden.
Kontrollen und vergleichende Versuche in den letzten Jahren haben allerdings ergeben, dass Zweifel an den angegebenen Wirkungen der verschiedenen Substanzen angebracht sind. So hat z. B. die Wiederholung des berühmten Chinarinden-Versuchs, mit dem Hahnemann das Behandlungsprinzip der Ähnlichkeit (= Simile-Prinzip) begründete, ein negatives Ergebnis gebracht.
Die Homöopathie nimmt für sich in Anspruch, verschiedenste Krankheiten erfolgreich behandeln zu können. Es handelt sich vor allem um Befindlichkeitsstörungen, chronische Funktionsstörungen, entzündliche und degenerative Prozesse sämtlicher Gewebe, Allergien und Abwehrschwäche.
Bei manchen Infektionskrankheiten wie etwa Gehirnhautentzündung, Diphtherie und Tuberkulose sind laut »Deutscher Homöopathie-Union« konventionelle medizinische Behandlungsmethoden vorzuziehen.
In Deutschland genügt Ärzten schon die Absolvierung eines drei Monate dauernden Kurses, um sich – behördlich dazu berechtigt – in der Praxis als homöopathisch kompetent ausweisen zu dürfen.
In Österreich gibt es ein ärztliches Diplom für Homöopathie, das die Ärztekammer Mitgliedern verleiht, die eine Ausbildung bei einer der zwei homöopathischen Fachgesellschaften nachweisen können.
Homöopathisch tätig sind auch viele Nicht-Ärzte – z. B. Heilpraktiker, Hebammen, Krankenpflegepersonal. In der Praxis reduziert sich Homöopathie allerdings häufig auf das Kaufen einer homöopathischen Arznei in der Apotheke (»Geben Sie mir bitte etwas Homöopathisches!«) beziehungsweise das Weitergeben homöopathischer Arzneien (»Diese Kügelchen haben mir geholfen, die kann ich sehr empfehlen!«). Mit klassischer Homöopathie im Sinne Hahnemanns hat das nichts zu tun.
Achtung: Die Homöopathie gibt es inzwischen nicht mehr. Allein in Deutschland existieren mehr als ein Dutzend verschiedene homöopathische Schulen, die sich teilweise heftig bekämpfen. Dementsprechend gibt es auch unterschiedliche Auffassungen darüber, was in der Praxis eine richtige homöopathische Behandlung ist.
Voraussetzung einer erfolgreichen homöopathischen Behandlung ist, dass das Krankheitsbild »in seiner Individualität« genau bestimmt und die Arznei mit dem passenden »Arzneibild« ausgewählt wird. Wegen dieser speziellen Zuordnungen ist es Herstellern homöopathischer Mittel sowohl in Deutschland als auch in Österreich gesetzlich untersagt, in den Beipacktexten Angaben über die Anwendungsgebiete der Mittel zu machen.
Zur Herstellung homöopathischer Mittel werden pflanzliche, tierische und mineralische Stoffe, aber auch Produkte der chemischen Industrie verwendet.
Die homöopathischen Mittel sind als Pulver, Tabletten, Flüssigkeiten (Dilutionen, Injektionslösungen, Verdünnungen, Verschüttelungen), Zäpfchen und als Globuli (Streukügelchen) erhältlich. Es gibt auch homöopathische Salben zum Auftragen oder Einreiben auf der Haut.
Samuel Hahnemann stellte fest, dass in starker Dosis verabreichte Arzneien häufig zunächst zu einer Verschlechterung der Krankheit führen können, und nannte das »Erstverschlimmerung«.
Um diesen unerwünschten Effekt zu vermeiden, verdünnte Hahnemann die Arzneidosis. D1 entspricht einer Verdünnung im Verhältnis 1:10, D2 von 1:100 usw. Bis D6 spricht man von Tiefpotenzen, bis D12 von mittleren Potenzen, darüber von Hochpotenzen.
Ab etwa D23 sind von einer Substanz nur mehr einzelne oder gar keine Moleküle zu finden.
Homöopathen sind davon überzeugt, dass durch das Schütteln bzw. Verreiben besondere, verborgene medizinische Kräfte frei werden. Deshalb wird das Verdünnen als »Dynamisieren« oder als »Potenzieren« bezeichnet. Welche »Kräfte« das allerdings sein sollen, ist ungeklärt.
Homöopathische Arzneimittel mit rezeptpflichtigen Inhaltsstoffen müssen bis D3 wie andere Arzneimittel auch Nutzen und Risiken belegen und brauchen eine Zulassung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
Ab D4 müssen homöopathische Mittel nur noch registriert werden. Anstelle eines Beipackzettels tragen sie den Aufdruck:
»Registriertes homöopathisches Arzneimittel, daher ohne Angabe einer therapeutischen Indikation.«
Ein allgemeiner Grundsatz in der Homöopathie lautet, dass nach Eintritt der Besserung im Befinden des Kranken das homöopathische Mittel abzusetzen ist. Homöopathen sind überzeugt, dass beim Heilungsvorgang die zuletzt aufgetretenen Krankheitszeichen normalerweise zuerst und die ältesten erst zum Schluss verschwinden.
Der Regel von Hering zufolge, einem Schüler Hahnemanns, beginnt die Heilung bei den lebenswichtigen Organen und schreitet dann bis zur Haut fort (von innen nach außen, von den seelischen über die emotionellen zu den körperlichen Zentren).
Homöopathische Lehrbücher nehmen dazu eindeutig Stellung: »Das Zusammenmischen zweier oder gar mehrerer Arzneistoffe ist unbedingt verwerflich und stets als eine Verletzung des Wesens der Homöopathie zu betrachten… Der Gebrauch von so genannten Komplexmitteln, in denen bis 20 und noch mehr Mittel gemischt sind, entspricht nicht den homöopathischen Anschauungen und gefährdet das Ansehen der Homöopathie.«
In Wirklichkeit werden in Deutschland und Österreich hauptsächlich Mischpräparate (Komplexmittel) verwendet – z. B. Euphorbium, Meditonsin H, Monopax, Toxi Loges, Traumeel S, Vertigoheel und viele andere.
Die Gefahr von Nebenwirkungen – etwa Allergien – besteht bei Homöopathika bis zu einer Verdünnung von etwa D8.
Gefährlich kann es auch dann werden, wenn etwa Krankheiten wie Scharlach oder Malaria mit homöopathischen Mittel behandelt werden.
Ein Präparat wird von uns als homöopathisches Mittel eingestuft, wenn es
Falls das Mittel nicht nur Inhaltsstoffe in homöopathischen Potenzen, sondern auch andere pflanzliche oder sogar künstlich hergestellte (chemisch synthetisierte) Wirkstoffe enthält, wird es als wenig zweckmäßig bzw. als abzuraten eingestuft.
Auffällig ist, dass die Erfolge der Homöopathie bei jenen Erkrankungen am größten sind, bei denen Placebo-Effekte bei rund der Hälfte der Patienten nachgewiesen sind (z. B. bei Schlaflosigkeit, Verstopfung, Angina Pectoris). In anderen Krankheitsgebieten – wie z. B. Infektionen und Leukämien –, bei denen wirksame Arzneimittel zur Verfügung stehen, haben homöopathische Methoden bisher nichts bewirkt.
Eine schweizerisch-britische Arbeitsgruppe untersuchte im Jahr 2005 alle wichtigen Studien zu den Wirkungen der Homöopathie. Das Ergebnis: Es gibt keinen Nachweis, dass homöopathische Arzneimittel mehr bewirken als Placebos (Scheinmedikamente).
Dieses ernüchternde Ergebnis führte dazu, dass in England, wo die Homöopathie bis dahin einen hohe Ruf genoß, die finanzielle Unterstützung homöopathisch ausgerichteter Kliniken stark reduziert wurde.
Auch die schärfsten Kritiker erkennen an, dass ein Arzt, der die Homöopathie seriös betreibt, sich ausführlicher mit dem Patienten und dessen Lebensumständen beschäftigt als ein durchschnittlicher Schulmediziner.
Die eingehende Betreuung eines Patienten ist in vielen Fällen schon der entscheidende Schritt zur Besserung, aber in den meisten Arztpraxen, wo die 3-Minuten-Medizin dominiert, alles andere als selbstverständlich.
Positiv wird im Regelfall auch gewertet, dass homöopathische Mittel, wenn sie schon nicht verlässlich helfen, so doch auch nicht schaden können. Es ist wohl kein Zufall, dass homöopathische Mittel hauptsächlich von Kinderärzten und in der Geburtshilfe verwendet werden.
Wie eng die Auswahl und der Einsatz von Heilmitteln mit der Lebenseinstellung verknüpft sind, wird bei den Anthroposophen deutlich, die sich häufig, wenn auch keineswegs ausschließlich, homöopathischer Mittel bedienen.
Die konventionelle Medizin ist bei Anthroposophen nicht verpönt, sondern gilt als die Basis therapeutischen Handelns. Die Anthroposophen sind Anhänger einer von Rudolf Steiner zu Anfang dieses Jahrhunderts begründeten, allumfassenden Weltanschauungslehre, die sich ziemlich wolkig anhört.
Da ist z. B. vom »Ätherleib« und vom »Astralleib« die Rede. Anthroposophen finden ihre Arzneimittel, so wie die Homöopathen, durch ein »inneres Durchschauen der in der Natur wirkenden Kräfte«.
Nach Auffassung der Anthroposophen werden durch eine Behandlung keine biochemisch-stofflichen Vorgänge im Menschen beeinflusst, sondern wie in der Homöopathie innere Kräfte und Prozesse.
In der anthroposophischen Medizin werden auch Tiere oder Teile von Tieren zu Heilmitteln verarbeitet, etwa Ameisen, Bienen, Maulwurfsfelle, Analdrüsen des Stinktieres und anderes. Bei der Herstellung sollen übersinnliche Kräfte und kosmisch-irdische Rhythmen einbezogen werden.
Am Beispiel des anthroposophischen Krebsmittels Iscador wird der Gegensatz zur Schulmedizin besonders deutlich. Während die herkömmlichen Behandlungsarten auf dem Grundsatz aufbauen, dass Krebs eine zelluläre Erkrankung ist, begreifen die Anthroposophen die bösartige Geschwulst als eine Erkrankung des Gesamtorganismus.
Folgerichtig werden Krebskranke umfassend persönlich betreut. Unter anderem erhalten sie den Mistelextrakt Iscador – für den es keinen überzeugenden Nachweis gibt, dass er lebensverlängernd wirkt oder Krebs heilen kann.
Sowohl die American Cancer Society als auch die Schweizer Gesellschaft für Onkologie lehnen Mistelinjektionen ab – weil die Gefahr besteht, dass durch die Anregung der Immunabwehr auch das Tumorwachstum angeregt wird. Und auch wegen möglicher Nebenwirkungen wie entzündliche Reaktionen, Fieber, Schüttelfrost, Atemnot, lebensbedrohliche allergische Schockreaktionen.