Der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt in Deutschland und Österreich ständig zu. Waren 1970 noch 13,2 Prozent der Deutschen über 65 Jahre alt und 1999 21 Prozent, so werden es im Jahr 2030 bereits 33 Prozent sein.
Das »Altwerden« ist im Arbeitsleben eindeutig festgelegt: Zwischen 60 und 65 Jahren erreicht man »die Altersgrenze«, geht in den Ruhestand oder Rente oder Pension.
In der Medizin gibt es jedoch keine allgemein anerkannte und brauchbare Definition des biologischen Alterns. Organe wie das Gehirn, die Nieren oder das Herz altern möglicherweise sehr viel schneller als solche Gewebe, bei denen zerstörte Zellen bis ins hohe Alter ergänzt und wiederhergestellt werden (z. B. Knochenmark und Darm).
Den Wunsch der Menschen, das Alter aufhalten zu können oder alt zu werden, ohne zu altern, macht sich die pharmazeutische Industrie zunutze.
K. H. 3, ein jahrzehntelang beliebtes Geriatrikum, wurde unter anderem mit dem Foto eines rüstigen 70-jährigen Seglers beworben, an den sich eine Blondine schmiegt. Das Mittel soll angeblich ein Heilmittel »gegen das Altern« sein. Andere Firmen werben vielleicht nicht so dreist, unterschwellig vermitteln sie aber dasselbe.
Dass nur noch wenige alte Menschen solcher Blabla-Werbung auf den Leim gehen, zeigt sich an Verkaufszahlen. Im Jahr 1983 waren in Apotheken noch 15 Millionen Packungen an Stärkungsmitteln und Mitteln gegen Altersbeschwerden verkauft worden, im Jahr 2006 nur noch 2,8 Millionen. Und das trotz der stark gestiegenen Zahl an alten Menschen.
Das Urteil der seriösen Medizin über die zahlreichen »Wundermittel« gegen das Älterwerden ist vernichtend. In den für Vertragsärzte und Krankenkassen verbindlichen »Arzneimittel-Richtlinien« wird die Ablehnung der Kassen, für diese Präparate zu zahlen, damit begründet, dass sie »entweder keine Arzneimittel« oder »für die Erzielung des Heilerfolges nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind«.
Den Behauptungen der Hersteller, dass durch Medikamente der Prozess des Altwerdens verlangsamt oder bereits bestehende Veränderungen sogar zurückgebildet werden könnten, halten Fachleute entgegen, dass es bislang keine seriösen Beweise dafür gibt.
Unmissverständlich urteilt auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: »Medikamente, die den Alterungsvorgang bremsen können, gibt es nicht.«
Einen Nutzen können sie dennoch haben. Wer an die Heilwirkung der Geriatrika glaubt, fühlt sich nach der Einnahme unter Umständen tatsächlich besser als vorher. Die Wirkung beruht dann aber auf einem Placebo-Effekt, der auch mit Pillen ohne Inhaltsstoff erreicht werden kann.
Geroaslan-H3, K. H. 3 und Vita-Gerin-Geistlich enthalten Procain oder ein Spaltprodukt von Procain. Es soll angeblich Gelenkentzündungen, Angina Pectoris und anderen Herzkrankheiten vorbeugen, Taubheit, Impotenz und Depressionen bessern und die Haut glätten und straffen. Ein amerikanisches Forscherteam nahm diese »Untersuchungen« bereits im Jahr 1977 unter die Lupe und kam zu dem Schluss, dass es »abgesehen von einem möglichen antidepressiven Effekt keine überzeugenden Beweise gibt, dass Procain irgendeinen Wert in der Behandlung von Erkrankungen alter Patienten hat«.
Es hat jedoch Nebenwirkungen: In seltenen Fällen können Überempfindlichkeitsreaktionen verbunden mit Gefäßerweiterungen, Blutdruckabfall, Krämpfen und Atembeschwerden auftreten.
Die Annahme, dass das Altern auf einen Vitaminmangel zurückzuführen ist und dementsprechend mit Vitaminen »behandelt« werden könne, ist falsch.
Einen alterstypischen Vitaminmangel gibt es nicht.
Lediglich bei Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen lassen sich gelegentlich bei Fehlernährungen oder schlechter Aufnahme von Nahrungsbestandteilen geringere Vitamin-Konzentrationen feststellen. Fachleute raten daher: »Vernünftiger als eine unkritische Gabe von Vitaminen wäre es, die Fehl- oder Mangelernährung zu beseitigen.«
Bestimmte Vitaminmangelerscheinungen können im Alter jedoch gehäuft auftreten – z. B. Vitamin-D- und Folsäure-Mangel. Die Einnahme von entsprechenden Medikamenten ist jedoch nur dann notwendig und sinnvoll, wenn vom Arzt tatsächlich ein Mangel festgestellt wird.
Das routinemäßige Schlucken von Vitaminpräparaten im Alter ist unnötig, denn bei normaler Ernährung tritt Vitaminmangel hierzulande kaum auf.
Viele allgemeine Stärkungsmittel, oft auch »Tonika« genannt, werden ebenfalls gegen klassische Altersbeschwerden angepriesen. Dementsprechend werden sie hauptsächlich von älteren Menschen eingenommen.
Keiner der in den Tonika enthaltenen Inhaltsstoffe vermag jedoch den Alterungsprozess zu beeinflussen. Auch andere Wirkungen, die die Hersteller den Tonika zuschreiben – etwa eine allgemeine Kräftigung bei Erschöpfungszuständen –, beruhen vielfach auf Suggestion. Ganz abgesehen davon, dass es bei Erschöpfungszuständen nicht zweckmäßig ist, Schläfrigkeit und Müdigkeit durch anregende Mittel zu beseitigen, weil dann normale Erholungsvorgänge beeinträchtigt werden.
Wenn Stärkungsmittel tatsächlich »beleben«, ist diese Wirkung auf banale Inhaltsstoffe zurückzuführen: z. B. auf Coffein, das unter anderem in Aktivanad-N und Leaton enthalten ist.
Einer der beliebtesten Inhaltsstoffe in den Tonika ist die angebliche »Wunderwurzel« Ginseng (etwa in Geriatric Pharmaton). Die Fachzeitschrift »The Medical Letter« kommt zu dem Schluss, dass »es keinen überzeugenden Nachweis gibt, dass Ginseng irgendeinen positiven Effekt hervorruft«.
Wohl aber sind eine Reihe von unerwünschten Wirkungen bekannt geworden:
Viele Tonika beziehen ihre »anregende« Wirkung auch aus dem Inhaltsstoff Alkohol (in Aktivanad N, Buerlecithin flüssig, Leaton Vitamin Tonikum).
Wegen des hohen Alkoholgehalts (79 Volumenprozent! Als 62,63 g!/100 ml verschleiert!) wird das »Naturheilmittel« Klosterfrau Melissengeist in der »Roten Liste«, dem offiziellen Medikamentenverzeichnis der Pharmaindustrie in Deutschland, unter »Hypnotika/Sedativa« eingereiht – also bei den Schlaf- und Beruhigungsmitteln.
Ein weiterer, häufig in Stärkungsmitteln verwendeter Inhaltsstoff ist Lecithin (z. B. in Buerlecithin, Geriatric Pharmaton, Vita Buerlecithin). Ein therapeutischer Nutzen von Lecithin ist bislang jedoch nie überzeugend nachgewiesen worden.
Tonika, die Vitamine und Mineralien enthalten (z. B. Geriatric Pharmaton), sind ebenfalls nicht sinnvoll. Wenn ein entsprechender Mangel besteht, so muss er gezielt behandelt werden.
Für Propolis, Pollen, Weißdornextrakt, Herzgespannkraut, Hagebuttenextrakt, Leberextrakt und andere Inhaltsstoffe, die als »Hausmittel« gegen das Altern gelten, gibt es bis jetzt keinen seriösen Beleg für eine Wirksamkeit gegen allgemeine Altersbeschwerden.
Die Theorie, dass Altern eine Folge der Keimdrüsenrückbildung sei und deshalb durch die Zufuhr von Hormonen wie etwa Melatonin oder DHEA aufgehalten werden könne, ist zwar längst widerlegt, taucht jedoch immer wieder in unterschiedlichen Varianten in den Medien auf. Seriöse Beweise dafür fehlen ebenso wie Erfahrungen über die Langzeitverträglichkeit.
Beide Hormone erhielten von den Arzneimittel-Behörden in Österreich und Deutschland wegen der Nebenwirkungsrisiken keine Zulassung, außer in homöopathischen Dosierungen. Manche Hersteller versuchen deshalb, diese Einschränkungen über Direktvertrieb oder über das Internet zu umgehen.
Weil eine chemische Vorstufe des DHEA in der Yamswurzel enthalten ist, wird ein entsprechender Extrakt über Bio-Versandhäuser nicht als Arzneimittel, sondern als Nahrungsmittel vertrieben.
Mit dem Alter nehmen Anzeichen und Leiden zu, die auf eine verminderte Leistungsfähigkeit des Gehirns schließen lassen. Dazu gehören schnelle geistige Erschöpfbarkeit, Schwindel und Gangunsicherheit, Gedächtnisstörungen, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Verwirrtheit und depressive Reaktionen.
Mediziner bezeichnen dies als Demenz, Laien sprechen von »Verkalkung«. Etwa jeder vierte 80-Jährige ist davon betroffen.
Was landläufig als »Verkalkung« bezeichnet wird, ist nur in 15 Prozent der Fälle tatsächlich auf eine Verkalkung im Gehirn zurückzuführen. Bei 70 Prozent der Fälle ist eine besondere Degenerationskrankheit mit Großhirnschwund die Ursache. Für die restlichen 15 Prozent sind andere Nervenerkrankungen und Alkoholmissbrauch verantwortlich.
Eine Unmenge von Arzneimitteln, die zur Linderung altersbedingter Beschwerden angeboten werden, soll die Hirndurchblutung bzw. den Stoffwechsel im Gehirn verbessern. Dabei handelt es sich vor allem um gefäßerweiternde oder die Psyche anregende Medikamente.
Ihr Wert als »Geriatrika« ist sehr umstritten: Der Abbau von Hirnleistungen kann nicht mit einer verminderten Durchblutung des Gehirns erklärt werden, da es keine altersbedingte Abnahme der Hirndurchblutung gibt. Darum kann eine verminderte Durchblutung nur die Folge von krankhaften Veränderungen der Hirngefäße oder des Herz-Kreislauf-Systems sein.
Die Steigerung der Durchblutung kann dann nur durch die Behandlung der Grundkrankheit behandelt werden, eine Anwendung von Mitteln zur Steigerung der Hirndurchblutung ist wertlos.
Jeder achte 80-Jährige soll davon betroffen sein.
Meist verordnen die Ärzte so genannte Nootropika (z. B. Nootrop, Nootropil, Normabrain oder Generika mit dem Namen Piracetam + Firmenbezeichnung). Dadurch können in manchen Fällen vielleicht einzelne Beschwerden gelindert werden, aber eine wirksame Behandlung existiert bis jetzt leider nicht.
Zu dieser Wirkstoffgruppe gehören:
Wenn überhaupt, haben solche Mittel nur eine geringfügige Wirkung. Ein Langzeitnutzen ist bisher nicht ausreichend belegt.
Zahlreiche, teilweise schwerwiegende Nebenwirkungen – Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Hautausschläge, Leberveränderungen – sprechen gegen eine routinemäßige Verschreibung. Unsere Empfehlung lautet daher: Möglicherweise zweckmäßig.
Laut einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vom November 2007 sind Knoblauchkapseln keine Medikamente und können damit auch nicht der Verhütung oder Heilung einer Krankheit dienen.
Falls Sie trotzdem auf Knoblauch gegen das Altern schwören, sollten Sie frische Knoblauchzehen verwenden – es ist ein gutes, vor allem in der südländischen Küche häufig verwendetes Gewürz. Zwei bis vier kleine Knoblauchzehen pro Tag sind ausreichend. Knoblauch schadet nicht, auch wenn er in größeren Mengen verzehrt wird.
Altern ist keine Krankheit. Wohl aber bringt es oft Krankheiten mit sich. Und die müssen gezielt behandelt werden, oft auch mit Medikamenten. Häufig zeigt es sich dann, dass eine konsequente Behandlung der tatsächlichen Krankheit die allgemeinen und diffusen »Altersbeschwerden« zum Verschwinden bringt.
Der ärztliche Reflex, halt etwas zu verschreiben, wenn ein älterer Patient über Beschwerden klagt, ist leider weit verbreitet. Doch gerade in der Geriatrie (Medizin im Alter) ist es wichtig, durch eine sorgfältige Untersuchung das Grundübel der Beschwerden ausfindig zu machen und gezielt zu behandeln.
So sind beispielsweise Schlaflosigkeit und nächtliche Unruhe, aber auch Gedächtnisstörungen und Verwirrtheit nicht selten auf Hirndurchblutungsstörungen zurückzuführen, die durch eine verminderte Leistung des Herzmuskels verursacht werden. Wird die Pumpleistung durch eine regelmäßige und genau dosierte Einnahme von Herzmitteln gesteigert, kann es wieder zu einer völlig normalen Hirndurchblutung kommen.
Schlafmittel würden in diesem Fall nur eine kurzfristige Linderung mit sich bringen. Längst ist bekannt, dass es auch Medikamente gibt, die, wenn man sie weglässt, die Hirntätigkeit steigern: z. B. Beruhigungsmittel und Psychopharmaka, die vor allem alten Menschen viel zu häufig verordnet werden.
Und oft sind es nicht Medikamente, welche die Beschwerden tatsächlich beheben: Soziale Kontakte oder Tanzen übertreffen jedes angeblich gehirnleistungssteigernde Medikament. 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag sind oft besser als jedes durchblutungsfördernde Mittel.
Da im Alter naturgemäß mehr chronische Erkrankungen (z. B. Herzleiden) auftreten, ist für viele ältere Menschen die dauerhafte Einnahme von Medikamenten notwendig.
Der Berliner Pharmakologe Helmut Kewitz hat über die Arzneimittelbehandlung bei älteren Menschen folgenden Ratschlag gegeben: »Die erste Aufgabe bei Arzneiverordnungen in der Geriatrie lautet, das Entbehrliche wegzulassen und die Verschreibung auf das unbedingt Notwendige zu beschränken. Entbehrlich sind vor allem die Arzneimittel, deren therapeutische Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist, insbesondere dann, wenn mit ihrer Anwendung ein Risiko verbunden ist.«
Leider sieht die Wirklichkeit anders aus. Mehr als die Hälfte der über 65-Jährigen nimmt in Deutschland regelmäßig vier bis sechs verschiedene Medikamente ein: hauptsächlich Mittel gegen Durchblutungsstörungen, Mittel gegen Angina Pectoris, blutgerinnungshemmende Mittel, Rheumamittel und Mittel gegen Zuckerkrankheit. Dazu kommen zahlreiche nicht rezeptfreie Präparate wie Abführmittel, Schmerzmittel und Vitamine.
Ältere Menschen nehmen nicht nur viel mehr Medikamente zu sich, sie leiden auch viel mehr darunter. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hat festgestellt, dass bei alten Menschen Nebenwirkungen siebenmal häufiger auftreten als bei jungen.
Wenn die Leistung der Nieren im Alter zurückgeht, was häufig der Fall ist, bleiben Arzneistoffe, die durch die Nieren ausgeschieden werden (wie Digoxin, Aminoglykosid-Antibiotika, Sulfonamide, Kalium), unter Umständen doppelt so lange im Körper.
Hauptursache für die häufiger auftretenden Nebenwirkungen bei älteren Menschen sind jedoch nicht solche organischen Gründe, sondern:
1. die oft ungenauen oder unzureichenden Diagnosen durch die Ärzte,
2. die unkritische Einschätzung der Notwendigkeit einer Behandlung mit Medikamenten,
3. Routineverschreibungen, die mit einer Tendenz verbunden sind, immer wiederholt zu werden, anstatt dass der Patient neuerlich untersucht wird.
Obwohl die Wirkung der Arzneimittel grundsätzlich vom Lebensalter unabhängig ist, also qualitativ gleich bleibt, kann es bei älteren Menschen häufig zu paradoxen Reaktionen kommen: Beruhigungsmittel und Tranquilizer können statt Beruhigung Verwirrungszustände, Unruhe, Ängstlichkeit und Depressionen auslösen, Schlafmittel können eine starke Erregung hervorrufen. Das hat mit der unterschiedlichen Medikamenten-Empfindlichkeit älterer Menschen zu tun. In einigen Fällen ist sie vermindert, häufig jedoch deutlich erhöht.
Durch die gleichzeitige Verwendung mehrerer Präparate kann es zu bedrohlichen Arzneimittel-Wechselwirkungen kommen.
Diese können besonders im Zusammenhang mit folgenden Medikamenten-Gruppen auftreten: